Wenn sexuelle Übergriffe mit körperlicher Gewalt, Schmerz, Angst, und Drohungen einhergehen, wirken sie sich als Trauma aus. Sie können sich in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung ausdrücken. Aber sexueller Missbrauch in der Kindheit wird oft ohne Gewalt, Angst, Drohungen oder Schmerzen ausgeübt.

Menschen die als Kind sexuell missbraucht worden sind, haben eine größere Wahrscheinlichkeit an physischen oder psychischen Störungen zu leiden. Unter den psychischen Leiden finden wir sehr oft eine Manifestationen der posttraumatischen Belastungsstörung.

Das bedeutet, dass der sexuelle Übergriff für das Kind traumatisch war. Ist der sexuelle Missbrauch mit körperlicher Gewalt, Angst, Drohungen und Schmerz einhergegangen, dann können wir gut nachvollziehen, dass er als Trauma wirkt und das eine posttraumatische Belastungsstörung hervorrufen kann.

Aber sexueller Missbrauch in der Kindheit wird oft ohne Gewalt, Angst, Drohungen oder Schmerzen ausgeübt. Warum also entwickeln Opfer immer noch posttraumatischen Stress?

David Finkelhor ein renommierter amerikanischer Psychologe der sich mit dem Thema befasst hat, entwickelte 1985 ein interessantes Modell. Dieses Modell hebt vier Faktoren hervor, die zur Entstehung eines Traumas beitragen. Diese Faktoren sind traumatische Sexualisierung, Verrat, Stigmatisierung und Ohnmacht.

Sie können natürlich auch bei anderen Arten von Traumata vorkommen. Aber es ist die Kombination dieser vier Faktoren zeichnen den sexuellen Missbrauch in der Kindheit aus und grenzen ihn von anderen Traumata der Kindheit ab.

Diese vier traumatischen Faktoren beeinflussen und stören die Sichtweise eines Kindes auf die Welt. Sein Selbstkonzept, seine Gedanken und Gefühle und seine Fähigkeit Emotionen zu regulieren sind erschüttert. Aber diese Faktoren stehen nicht unbedingt im Zusammenhang mit Gewalt oder Angst.

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Sexualisierung auf Traumatische weise

Erlebt ein Kind wiederholt sexuelle Situationen die nicht seinem Entwicklungsstand entsprechen, dann werden seine sexuellen Emotionen durch das Erleben atypische geformt. Es entwickelt sexuelles Verhalten, dass für sein Alter unangemessen ist.

Es nimmt seine eigene Sexualität auf verwirrte und gestörte Weise wahr und assoziiert Sexualität mit Gefühlen, die nicht der Norm entsprechen.

Bestimmte Situationen verstärken das atypische Verhalten. Wenn der Täter zum Beispiel freundlich, aufmerksam ist und Geschenke als Gegenleistung für sexuelle Gefälligkeiten anbietet. Das Kind lernt sein Sexualverhalten so einzusetzen, dass es die normalen kindlichen Bedürfnisse seines Alters befriedigt.

Das Trauma wird auch stärker ausgeprägt sein, wenn bestimmte Körperteile des Kindes besonders betont werden oder wenn der Täter dem Kind verzerrte Ansichten über Sexualität vermittelt.

Eine Verstärkung entsteht auch, wenn der Täter es schafft das Kind dazu zu bringen, aktiv an der sexuellen Beziehung mitzuwirken. Oder wenn er in der Lage ist, dem Kind ein gutes Gefühl zu übermitteln. Natürlich ist die Belastung am grausamsten, wenn der sexuelle Missbrauch in den Erinnerungen des Kindes mit erschreckenden Erinnerungen und Angst assoziiert wird.

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Quelle: Pexels (Polina Zimmerman)

Wenn das Kind begreift und fühlt es sich verraten

Kann ich als Kind verstehen, dass der Mensch den ich vertraue, dem ich nahe stehe, den ich liebe und von dem ich abhängig bin mit Verachtung behandelt. Wenn ich als Kind die Manipulation und die Verletzungen spüre die mir diese so nahe stehende Person zufügt oder zugefügt hat.

Gleicher Maassen verraten fühle ich mich, wenn ich mich offenbare was ich erlitten habe und meine Bezugspersonen glauben mir nicht. Sie beschützen mich nicht oder geben mir sogar die Schuld an diese Situation.

Keiner glaubt mir, ich fühle mich schuldig und abgelehnt. So verstärkt sich das Gefühl des Verrats. Vielleicht wäre es nicht so schlimm wenn es ein Fremder gewesen wäre.

Ich werde älter und verstehe mehr. Ich wurde Verraten und verkauft.

Gefangen im Missbrauch Verhältnis

Das Gefühl der Ohnmacht manifestiert sich. Umso mehr der Täter Manipulation und Zwang anwendet, desto hilfloser fühlt sich das Kind. Wenn z.B.  der Täter das Kind durch die Drohungen der Gewaltausübung zur Teilnahme zwingt.

Ein Teufelskreislauf der schwer unterbrochen werden kann. Und je mehr sich das Kind hilflos fühlt desto mehr steigt die paralysierende Angst. Die das Aufzudecken des Missbrauch unmöglich macht. Gefangen in eine Situation der Abhängigkeit.

Aber die Drohung ist nicht erforderlich, um dieses Gefühl der Ohnmacht zu erzeugen. Es ist ausreichet dem Kind bewusst zu machen was mit seiner Familie geschehen kann, wenn es den Missbrauch aufdeckt.

Schafft es die Situation zu enthüllen und die Menschen um ihn herum glauben ihm nicht, wird sein Gefühl der Machtlosigkeit extrem zunehmen. Gelingt es dem Kind den Missbrauch zu stoppen oder eine gewisse Kontrolle über die gefährdeten Situationen zu bekommen, kann das Ohnmachtsgefühl reduziert werden.


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Stigmatisierung

Scham, Schuldgefühle, das Gefühl, schlecht zu sein, prägen oft dem Selbstbild eines Kindes.

Der Täter kann das Kind herabsetzen und dafür sorgen, dass es sich für das was geschieht verantwortlich fühlt oder sich schämt.

Der Täter ist in der Lage das Kind zu zwingen das Geheimnis zu wahren.

Stigmatisierung kann von Personen in der Umgebung des Kindes ausgehen. Wenn das Kind hört und versteht was andere oder die Gesellschaft über sexuellen Missbrauch sagt. Es erlangt das Wissen, dass das was es erlebt tabu und anormal ist.

Öffnet sich das Kind und wird es mit feindseligen und schuldbeladenen Reaktionen aus seinem Umfeld (aufgrund kultureller oder religiöser Tabus) konfrontiert, wird das Stigma noch stärker ausgeprägt sein.

Die Stigmatisierung wird entschärft, wenn die Menschen um das Kind herum unterstützend wirken. Ist das Kind zu jung, um das soziale Urteilsvermögen zu verstehen erlebt es keine Stigmatisierung. Wenn ein Kind entdeckt, dass das was es erlebt hat auch vielen anderen Kindern passiert kann es mit der Situation anders umgehen.

sexuelle Übergriffe-Mädchen- Pixabay (Khusen Rustamov)

Quelle: Pixabay (Khusen Rustamov)

Interessen der vier Faktoren

Können wir anhand dieses Modells besser zu verstehen? Nachvollziehen, dass in der Kindheit erlittenen sexuellen Übergriff der vielleicht  auch ohne Gewalt begangen wurde, zu einer starken Traumatisierung führt?

Sie hilft uns, das Leiden der Opfer im Lichte eines oder mehrerer dieser vier Faktoren besser zu verstehen.

Schließlich können wir so den Missbrauch besser einschätzen und sogar vorhersehen, welche Folgen und Auswirkungen am wahrscheinlichsten sind. Developmental Victimology Lecture with Dr. David Finkelhor

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Quelle Beitragsbild:  Pexels (cottonbro)